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Vier Tage ausgewandert: Stockholm

Vor der Reise dachte ich:
„Wow, der Flug kostet nur 14€ – ich hab zwar keine Ahnung, was mich dort erwartet aber egal.“

Nach der Reise dachte ich:
„Ich würde jederzeit das zehnfache für eine weitere Reise bezahlen. Immerhin weiß ich jetzt, was mich alles dort erwartet. Wo geht’s zum nächsten Schwedisch-Kurs?!“


Der günstigste Flug, den ich je kaufte, flog mich nach Stockholm. Und ich hatte wirklich keine Ahnung, wie die Stadt wohl aussehen könnte.

Bei Rom hat man sofort das Kolosseum vor Augen, bei Paris den Eiffelturm, bei London Big Ben, aber bei der Hauptstadt von Schweden…?

Tatsächlich ist es so, dass ich nach meiner Reise nun immer noch kein für sich selbst sprechendes Wahrzeichen habe, was sofort vor meinem geistigen Auge aufploppt, dafür habe ich was viel viel Besseres: ein Gefühl.
Mein Schweden-Gefühl wird dem Gefühl der meisten Schweden-Fans ähnlich sein. Es fühlt sich wohlig warm und herzlich an. Tatsächlich hatte ich nach nur fünf Tagen Stockholm bei der Rückkehr nach Deutschland einen kleinen Kulturschock von meinem eigenen Land. Denn: die Schweden sind einfach freundlicher, offener, fröhlicher. (Alle Angaben ohne Statistiken, sonstiger Quellen oder Gewähr). Für mich kann ich sagen, dass ich vier Tage lang keinen ausgiebigen Face-Check gemacht, bevor ich nach dem Weg gefragt habe, denn alle hatten ein nettes Gesicht aufgesetzt. Und die Freundlichkeit hört nicht abseits des direktem Umgangs mit Freunden oder Kollegen auf. Nein, auch der Schal eines Fremden, der herrenlos am Wasser lag, wurde von einer Passantin aufgehoben und liebevoll und sorgfältig auf Augenhöhe um die nächste Laterne gebunden. Mit so viel Hingabe, dass ich wirklich hoffe, dass der Schal zu seinem eigentlichen Besitzer zurückgekehrt ist.

Datiert auf Juli 1252 ist das älteste überlieferte Dokument, in dem Stockholm erwähnt wird. Es wurde dort gegründet, wo sich heute der historische Stadtteil „Gamla stan“ befindet. Diese schöne Gegend zieht die meisten Besucher an, was leider auch hier und einen ramschigen Souvenirladen auf den Plan ruft. Geht man an diesen aber ganz schnell vorbei, kann man herrlich durch mittelalterliche Gassen spazieren, die teilweise nur einen Meter breit sind.

Hat man sich am 17. Jahrhundert satt gesehen, kann man einfach mit Jugendstil-Prachtbauten weiter machen. Die findet man fast überall, auch im von Einheimischen als das „alternative Stockholm“ bezeichnete Södermalm aber ganz besonders auf der Parkinsel Djurgården und in Östermalm, wo sich die Reichen und Schönen treffen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde hier nach Pariser Vorbild ein Stadtteil mit kunstvoll gestalteten Häusern und großen Boulevards erbaut. Im exklusivsten und teuersten Stadtteil kann man sich vielleicht nicht so ganz gedankenlos satt essen, aber satt sehen!

Apropos sehen: Mit dem Stockholm Pass bekommt man den Eintritt zu den meisten Sehenswürdigkeiten und überlegt sich nach dem Kauf des Passes nicht immer und immer wieder, was man jetzt noch machen könnte und ob sich dieses oder jenes wirklich lohnt. 60 Sehenswürdigkeiten und Bus- und Bootstouren gibt es für verschiedene Tage und verschiedene Preise.

Nachdem wir alle royalen Einrichtungen abgeklappert haben, kommen wir zum Museum, dass besonders in Erinnerung bleibt das „Vasamusset“. Nein, nichts mit Knäckebrot – obwohl ich zugeben muss, dass auch ein Brotmuseum seinen Reiz auf mich hätte. Das Vasa-Museum zeigt das fast vollständig erhaltene, auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene Kriegsschiff Vasa und seine Geschichte. Dabei ist das Schiff komplett im Museum aufgebaut, inklusive seiner Masten und Takelage.

Auch die anderen Museen begeistern, fast alle sind sie in der Nähe in Djurgården. Das Freilichtmuseum Skansen (das erste seiner Art) bewahrt die durch die Industrialisierung bedrohte „Volkskultur“. Ungefähr 150 Gebäude aus allen Landesteilen konnten in das Museum überführt würden, um typische Bauten mit deren Einrichtungen, Geräten, Werkzeugen usw. zu erhalten.

Eher klassisch museal geht es im schwedischen Nationalmuseum, im nordischen Museum und im staatlich historischen Museum zu – wobei letzteres das beste Museum ist, in dem ich je war. Dieses „Historiska Museet“ ist wunderschön aufbereitet. Nichts wirkt hier alt und angestaubt, wie der „staatlich historisch“ sich vielleicht erst mal anhört. Hier treffen perfektes schwedisches Design auf harte skandinavische Geschichte.

Und wenn man fertig ist mit seinem morgendlichen Kulturprogramm, denkt man natürlich an das frische schwedische Essen. Bei mir ist es so, dass ich normalerweise auf Reisen immer erst dann esse, wenn ich so viel gelaufen bin, dass mich wirklich nichts mehr auf den Beinen hält und ich spontan irgendwo Halt machen muss. Dann bezahlt man sich in Stockholm aber wirklich so dumm und dämlich, wie alle urbanen Mythen behaupten. Die verbreiten aber nur Leute, die sich nicht an den Mittagstisch halten. Mit den „Dagens Lunch“ Angeboten ab ca. 11:30h kann man fast überall sehr glücklich werden. Es gibt Salat-Buffets vorweg, Brot und ein Hauptgericht. Wasser ist immer kostenlos dabei und die Getränke (mit Ausnahme der alkoholischen) werden auch nicht extra-teuer. Skål!

Und dann kann auch schon weiter gelaufen werden. Wird man langsam gehfaul, gibt es die U-Bahn. Aber abgesehen davon, dass einige Haltestellen sehr instagramworthy gestaltet sind und dass sie den überaus lustigem Namen „Tunnelbana“ hat, ist fahren hier kein Muss, man bekommt die Sehenswürdigkeiten eigentlich alle sehr gut und gemütlich zu Fuß hin. Was man allerdings wirklich fahren sollte ist Boot! Am Hafen warten zig Ausflugsboote darauf euch sicher durch die Schären zu schippern; bei 24.000 Inselchen gar nicht mal so einfach. Spätestens hierbei werdet ihr euch wünschen mindestens ein Ferienhaus in Schweden zu besitzen! Ein Wunsch, der mir nicht mehr vergangen ist.

Den Schwedisch-Kurs habe ich nach dieser viertägigen Reise zwei Jahre lang durchgezogen.
Natürlich kann ich nichts mehr.

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