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Mexiko satt in Mexiko Stadt!

Vor der Reise dachte ich:
„Ich habe Angst. Das Bild der Stadt in meinem Kopf ist: dunkel, eng, überlaufen, gefährlich, stickig.“

Nach der Reise denke ich:
„Ich habe Angst davor über viel mehr Orte und Dinge voreilige Schlüsse zu ziehen. Diese Stadt ist bunt, weitläufig, Menschen lassen sich in Frieden und ich kann seit langer Zeit mal wieder richtig aufatmen.“


Beim Landeanflug fange ich an zu weinen. Nicht wie üblich, wenn ich so viel Druck auf den Ohren hab, dass er sich in Tränen einen neuen Weg aus mir raus zu suchen scheint. Nein, tatsächlich weil ich noch nie so viele Lichter hab glitzern sehen. Natürlich sind die Lichter einer riesenhaften Stadt kein Naturschauspiel, aber ihre Wirkung auf mich hatten sie trotzdem. Ich bin bereits als Kind verhältnismäßig viel geflogen und eine meiner frühesten Erinnerungen ist der bewusste Wunsch, dass wir abends fliegen, weil ich Landeanflüge auf blinkende, leuchtende Städte so schön finde. Aber was Vergleichbares zu Mexico City hatte ich natürlich noch nie gesehen (Wie auch? Sie ist mit über 20 Millionen EInwohnern immer noch die größte Stadt der Erde). Die Lichter reichen weiter, als mein Auge gucken kann. Zugegeben: vielleicht habe ich auch einfach nur ein Tränchen verdrückt, weil mein Gehirn diese Information gar nicht anders verarbeiten konnte.

Der Rest bleibt positiv beeindruckend. Die Stadt erdrückt mich nicht. Sie besteht aus vielen kleineren Dörfern, die rasant zusammengewachsen sind. Zwischen 1920 und 1940 verdoppelte sich die Einwohnerzahl und umherliegende Dörfer wurden eingegliedert – vielerorts ohne ihnen den Charme zu nehmen.
So steht man im weltbekannten Coyoacán und hat das Mexiko-Feeling, das man sich wünscht. Marktplätze, kleine Kirchen, bunte Häuser, enge Gassen. Und kann hier nicht nur das Haus von Frida Kahlo bestaunen, sondern auch vor Häusern stehen, die bereits im 16. Jahrhundert geschichtsträchtig waren, wie das von Konquistador Hernán Cortés und seiner Dolmetscherin und Geliebten Malinche, die für ihn mit Monteczuma verhandelte.

Viel Zeit haben wir in Tlaplan, das im Südwesten liegt und an Coyoacán grenzt, verbracht. Und das nicht nur weil es flächenmäßig der größte Bezirk ist, sondern weil man hier gut schlendern und das Leben ruhig genießen kann. Im historischen Zentrum Tlaplans sind viele koloniale Häuser bestens erhalten und ein Park gibt dem Ganzen zusätzliche Romantik. Am Gebäude der Bezirksverwaltung (Edificio Delegacional) befinden sich großflächige Wandmalereien, die die Historie des Ortes zeigen.

Auch das historische Zentrum der „großen“ Stadt ist beeindruckend schön. Allein schon der Blick auf den Palacio de Bellas Artes (Palast der schönen Künste), der Theater, Tanz, Musik und Oper, Kunst, Literatur und Architektur beherbergt lohnen den Weg. Apropos Weg: den muss man natürlich zurücklegen. Denn riesenhaft ist und bleibt nun mal riesenhaft. Steht man hier mit einem der Metrobusse ein bisschen im Feierabendverkehr rum, sind dann mal  schnell 1,5 Stunden für eine Strecke vergangen. Deswegen ist Metro fahren, dort wo es geht, empfehlenswert. Die ist zu Stoßzeiten natürlich sehr voll, aber darauf ist man als Tourist ja zum Glück nicht angewiesen und kommt so am schnellsten voran.

Die Metropole befindet sich auf 2.310 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, diese hohe Lage beeinflusst das kalttropische Klima, im ganzen Jahr herrschen hier gemäßigte frühlingshafte Tagestemperaturen – was nach vier Wochen Schweißbart tragen in Yucatán nahezu eine Befreiung ist. Da wir komplett vom Smog verschont bleiben, kann ich hier, ausgerechnet in der größten Stadt der Welt, mal wieder so richtig tief Luft holen.

Mein Reiseglück in dieser Stadt wurde komplett durch den Día de los Muertos in D.F. (wie die Mexikaner ihre Stadt immer noch nennen). Das hatte ich zwar nicht richtig geplant aber würde es jetzt immer wieder so tun, dass ich zwischen dem 31. Oktober und 2. November hier vorbeischaue. Das Fest erfährt seit einigen Jahren bekannterweise in anderen Regionen der Welt – zusammen mit Halloween – einen Hype. Oder zumindest die charakteristischen Totenkopf-Schminkgesichter, die jedes westliche Mädchen „irgendwie schaurig“ und doch „eeecht süß“ aussehen lassen. Dass sich dahinter aber eine wunderbare Tradition mit Tiefgang und Geschichte über Epochen, Besatzungen und Missionierungen hinweg verbirgt, finde ich persönlich den schöneren Teil. Deswegen hier ein ganz kurzer und vereinfachter Exkurs zum Thema.

Aus der Wikipedia:
Das Brauchtum zum Tag der Toten wurde 2003 von der UNESCO zum Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit ernannt und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit übernommen. Die Feierlichkeiten in ihrer traditionellen Form gelten als bedroht, da sie nach und nach von dem eher kommerziell ausgerichteten Halloween-Brauch aus Nordamerika überformt werden.

Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten einmal im Jahr zu Besuch aus dem Jenseits und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und Essen. Natürlich haben spanische Missionare versucht das Fest abzuschaffen – vergeblich – und so irgendwann die Feiern mit Allerheiligen und Allerseelen zusammengelegt. Diese Vermischung von aztekischem Brauchtum und christlichem Glauben schuf ein einzigartiges kulturelles Fest, das die Bräuche des vorspanischen Mexiko zumindest teilweise weiterleben lässt.
Was sind zentrale Bestandteile des Festes? Beschränken wir uns fürs erste auf die zwei bekanntesten Dinge. Zum einen die „Ofrendas“, Gabentische in den Wohnungen und auch  auf öffentlichen Plätzen. Sie sind mit den Lieblingsspeisen und Getränken der Verstorbenen, Blumen und persönlichen Erinnerungsgegenständen gedeckt. So können sich die Toten nach ihrer Reise stärken. Fotos der Verstorbenen und Kerzen schmücken die Altare zudem. Was bemerkenswert ist: keine der öffentlichen Ofrendas wird angerührt. Nutzt eine Familie die Lieblingsbank des Verstorbenen als Altar, dann wird das allgemein akzeptiert und es ist dort schlicht und einfach „besetzt“ für die Dauer der Feierlichkeiten.
Zum anderen ist man stark konfrontiert mit der Symbolik des Todes. Skelette und Schädel gibt es in jeder nur erdenklichen Ausführung (vor allem als Gebäck und Süßigkeiten). Und immer wieder taucht sie auf – die schon angeteaserte – „mexikanische Totenmaske“, auch „Catrina“ (oder unter Hipstern bekannt als „sugar skull“). Eben jene „Catrina“ ist im Spanischen mit abwertendem und sarkastischem Unterton ein Ausdruck für eine wohlhabende Person und in Mexiko ein Symbolbild des Elends. Sie ist der Spott auf privilegiertere Klassen und die rassistische Situation im Land. 1913 schaffte José Guadalupe Posada das ikonischste Bild der Catrina und soll dazu gesagt haben

“La muerte, es democrática, ya que a fin de cuentas, güera, morena, rica o pobre, toda la gente acaba siendo calavera”

„Der Tod ist demokratisch, denn am Ende ist es egal ob du blond, braun, reich oder arm bist, jeder endet als Schädel.“

Und wenn das kein Schlusswort ist, dann weiß ich auch nicht.

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