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Beijing: Wo ich meine europäische Brille verlor.

Vor der Reise dachte ich:
„Okay, ich verbringe also meinen Jahresurlaub im Smog. Aber was tut man nicht alles für die Liebe?“

Nach der Reise denke ich:
„Klar war da auch mal Smog. Aber auch so viel mehr. Und nun bin ich auch ein bisschen verliebt in einige Facetten Chinas.“


Ich war also in China. So ganz offiziell. Nicht nur mit Stempel, sondern auch mit Visum im Reisepass. Und trotzdem darf und kann ich mir kein Urteil über das Land erlauben. Ich habe Beijing und Shanghai und ein paar Dörfer im Vorbeifahren gesehen und alles war so unterschiedlich, dass ich ein Problem bekäme das Land oder die Leute über einen Kamm zu scheren. Also lasse ich das und berichte ein bisschen vor mich hin.

Vor Antritt meiner Reise sitze ich im Chinese Visa Center und bin gar nicht aufgeregt. Drei Wochen Urlaub in China, Flüge und Hotel gebucht. Was soll sein? Die Sachbearbeiterin bittet mich einen Fragebogen auszufüllen – okay.

„Hier müssen Sie beim Namen Ihrer Firma noch die ganze Adresse angeben. Und was genau machen Sie da?“
„Werbung.“
„Werbung?“ fragt sie kritisch.
„Ja, ehm,… ich schreibe.“
„Sie schreiben? Notieren Sie das doch bitte auch noch mal daneben.“
Innerhalb von 20 Sekunden bin mit den Antworten ‚Werbung‘ und ‚Schreiben‘ schneller in Ungnade gefallen, als ich es mir hätte ausmalen können. Als der blöde westliche und kapitalistische Schreiberling, der ich bin, hoffe ich nun auf das Beste.

Natürlich wird alles gut und ich mache mich mit Hainan Airlines auf die Reise. Außer mir ist noch genau ein anderer Europäer mit an Bord. Alle anderen erwartet nicht die Ungewissheit, sondern ihr Zuhause, das in Zukunft vollbepackt mit deutschen Statuseinkäufen sein wird. Essen und Bordprogramm sind ausgezeichnet und ich freue mich über meinen Schnäppchenflug.

In Beijing gibt es einen Airport-Zug, der mich in die Stadt bringt und hier ist alles – wie so oft – anders als erwartet.
Die Stadt ist zwar grau, aber sauber.
Die Autos sind zwar in Massen da, aber dank Elektroantrieben relativ ruhig.
Die U-Bahnen sind zu Stoßzeiten zwar voll, aber alle sind gelassen.
Das Essen ist zwar so anders als man es von asiatischen Restaurants in Europa kennt, aber verdammt nochmal so viel besser!

Ich verliebe mich in das Essen, das ich in seiner Vielfalt gar nicht wiedergeben kann. Dumplings, Jian Bing, gebratene Bohnen, Nudelsuppen und eine von uns immer noch nicht ganz aufgeklärte vegetarische Speise, die sich „Großmutters Essen“ im Lokal in der Nähe des Hotels nennt, sind meine Favoriten. Man isst den ganzen Tag und man isst günstig. Auch die Chinesen sitzen in allen Konstellationen und Altersklassen zu allen Tageszeiten in den Restaurants und gönnen sich einen Tisch voll mit verschiedenen Leckereien – ähnlich der spanischen Tapas-Kultur wird sich hier von allen Tellerchen bedient.

Wir wohnen in Michael’s House, einem kleinen Hotel in einem ehemaligen Hutong im Haidian District. Hier ist es nicht touristisch und so überhaupt nicht „Mulan-Chinesisch“. Aber das macht das richtige Stadt-Gefühl doch aus. Dazu kommen all die Leute, die einem täglich mit einem Lächeln aber keinem einzigen Wort Englisch begegnen. Kein „Hello“, kein „Thank you“, kein „Rice, please“ funktionieren außerhalb unseres Hotels. Deswegen bin ich sehr froh, dass mein Freund zu diesem Zeitpunkt schon ein paar kleine Brocken Mandarin spricht und versteht. Aber an so manchem Tag ist das Mittagessen auch ein kompletter Blindflug über die Karte:

Eene, meene, muh uuuund leider zwei Mal Suppe mit Innereien bestellt. Passiert!

Ach, bin ich schon wieder beim Essen? Ich kann auch was über Getränke erzählen! Kaffee ist schwierig. Entweder man lässt sich auf guten chinesischen Tee ein oder man hält an Läden wie McDonald’s. Irgendwann kristallisiert sich dann raus was stärker ist: der Widerwille in China zu McDonald’s zu gehen oder die Sucht.

Zu zwei der zahlreichen Sehenswürdigkeiten habe ich eine klar negative Meinung: Das Chinesische Nationalmuseum kann leider nicht sehr viel, außer ein kommunistischer Prachtbau zu sein. (Was, wie wir alle wissen, bedeutet, dass es leider gar nichts prächtiges in dem glattgeleckten Gebäude gibt.) und die Dazhalan Street (oder Dashilan), eine Fußgängerzone in der Nähe des Platzes des Himmlischen Friedens, die auf alt macht aber eben nicht alt ist, ist auch eher komisch als schön. Kitschige Souvenirläden und Starbucks säumen die Straße. Biegt man allerdings links und rechts ab, sieht man traditionelle Häuser, Geschäfte und Restaurants.

Großartig hingegen waren natürlich die Mauer und die verbotene Stadt.
Für die Mauer braucht es einen Tagesausflug aus der Stadt raus. Ich werde hierzu noch mal einen separaten Post verfassen. Bei der Besichtigung der verbotenen Stadt ist es ganz wichtig seinen Reisepass oder ein anderes Ausweisdokument dabei zu haben. Ohne gibt’s keinen Einlass.

Ebenso beeindruckend aber auch:
– das Viertel rund um den Houhai See (mit vielen kleinen Lokalen)
– der Yonghe-Tempel (besser bekannt als der Lama-Tempel) und alles was in seiner Näher liegt
– Gulou und Zhongoulo (ein alter Trommel- und ein alter Glockenturm, die sich gegenüber liegen).
Hier hat sich alles sehr echt angefühlt. Klar aufpoliert, damit es Touristen gefällt, aber eben echt. Und echt alt.

Apropos Gefühle. Ich glaube, ich habe mich noch in keiner Großstadt so sicher, wie ich Beijing gefühlt. Das hat mich – als durchaus  leicht paranoiden Menschen – bis tief in die Nacht beschäftigt. So lautet eine meiner Google-Suchanfragen in Woche drei „crime in Beijing“. Bis auf ein paar Touristen-Scams soll hier aber tatsächlich wenig passieren. Stellt sich natürlich immer noch die Frage, ob China es schafft die „Crimes“ zu vertuschen oder ob die Strafen so hart sind, dass sie eben nicht viel vorkommen. Ich, und einige Expat-Blogs, tendieren zu Zweiterem. Nachts nach Hause laufen und noch mal am Imbiss halten ist hier wirklich kein Problem. Während ich mir Hamburg doch lieber ein Taxi rufe.

Beijing war eine positive Erfahrung, die mein eurozentriertes Weltbild ein bisschen verrückt hat. Denn obschon ich mich vor der Reise für nicht ganz überheblich hielt, dachte ich doch, dass Mitteleuropa alles hat und dass eine wuselige chinesische Stadt da bestimmt nicht „mithalten“ kann.
Nun, es stellt sich heraus, dass Elektromobilität, Bargeldloses Bezahlen, Highspeed-Internet überall, geregeltes Bahnfahren (mit garantiertem Sitzplatz!) und Lieferservice von jedem nur erdenklichem kleinen Kiosk-Produkt möglich sind.
Bleibt nun also die Frage warum „wir“ da nicht mithalten können.
Man kann wirklich sagen, dass ich meine „europäische Brille“ in Beijing verloren habe. Alles, was ich mir bis dahin ausgemalt hatte, war schlicht und ergreifend falsch und ich bin seither noch vorsichtiger mit Vorurteilen und Verallgemeinerungen.

Hätte ich gleich vor Ort über jeden Tag oder wenigstens jede Woche einzeln schreiben sollen? Auf jeden Fall. Wird dieser Post hier auch nur annähernd einem guten Reisebericht gerecht? Auf gar keinen Fall.
Deswegen schreibt mir (uns) doch einfach, wenn ihr fragen habt. Ich weiß mehr, als das, was hier steht. Versprochen.
Und sonst einfach auf weitere China-Posts warten. Ich freue mich schon darauf diese zu schreiben und noch mal ins Träumen zu kommen. Hauptsächlich über Essen, …aber das muss ja keiner wissen.

8 Kommentare zu “Beijing: Wo ich meine europäische Brille verlor.

  1. Pingback: Mein drittes von sieben Weltwundern. Aber in vielem die Nummer 1: Die Chinesische Mauer. – Erst mal weg.

  2. Das was du schriebst erinnert mich an meine Vietnamreise. ich habe mir leider auch nicht die Zeit genommen die Eindrücke direkt nieder zu schreiben. Wobei ich es wirklich versucht habe und die wenige „freie“ Zeit die ich hatte tatsächlich brauchte um die ganzen Eindrücke zu verdauen und da war schreiben zumindest für mich nicht mehr drin.

    Ich entdecke das es mir selbst in Vietnam sehr ähnlich erging wie dir in China.
    Danke für den schicken Post.

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  3. magdalenagajewski

    Hi Lousia,
    über Conntrip bin ich wieder auf diesen Artikel gestoßen – und mag ihn immer noch! 😀 Vor allem finde ich die Anekdote mit Firma und „Was machen Sie da genau“ und „Werbung und Schreiben“ sehr amüsant – und informativ. Ich müsste das gleich angeben!

    Noch steht das nächste Reiseziel nicht fest, aber ich merke immer mehr, dass China sich da in den Vordergrund rückt. Werde also bestimmt auf dein Angebot mit den Fragen zurück kommen.

    Liebe Grüße
    Magdalena

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    • Haha ja. Das war echt komisch. Wie ich ja immer wieder betone: Ich hab keine Ahnung von China, aber die beiden Städte haben mir super gefallen und die Mongolei und muslimisch geprägte Regionen sind bestimmt auch super spannend. Was es vor allen Dingen ist: authentisch. No western Tourikram weit und breit.

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  4. Hi Louisa, bin gerade über deinen Blog gestolpert und musste bei deinen Beschreibungen über Beijing und Shanghai echt schmunzeln. Habe von 1999-2001 dort gelebt und komme immer wieder (weil nach wie vor schockverliebt) gerne nach China zurück. Viele deiner Erzählungen haben mich direkt wieder in meine alte Heimat gebeamt!
    Danke dafür 🙂
    LG, Mirjam

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    • Oh danke dir!

      Als ich angefangen habe deinen Kommentar zu lesen dachte ich, dass er in eine andere Richtung laufen würde. Vor 17 Jahren muss es ja noch mal extrem anders gewesen sein oder?
      Schön, dass ich ein bisschen was als normaler Touri so einfangen konnte, dass es auch für Leute stimmt, die sich noch mehr mit dem Land beschäftigt haben.

      Lieben Gruß!

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      • Sorry dass ich jetzt erst antworte. War wieder mal im Urlaub 😊
        Ich bin auch immer ganz schön gespannt, was mich wieder erwartet. Bin aber glücklicherweise nie enttäuscht worden. Die Mauer war damals nur die ersten Meter restauriert, danach teilweise nur 20 Zentimeter breit und total bröckelig.
        Für die Einreise brauchte ich damals sogar noch heute Röntgenbilder vom Oberkörper 😄
        Ich liebe das Essen dort, hier kann ich kein chinesisches Essen mehr anrühren.
        Hach, kann immer wieder zurück und ich habe sooo viel noch nicht gesehen.

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