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Lanzarotes Hauptstadt meines Herzens – außer sonntags: Teguise

Teguise ist die ehemalige Inselhauptstadt Lanzarotes und kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Und zwar mehr, als alle anderen kanarischen Ortschaften.
Na gut, es gibt da Betancuria auf Fuerteventura, das wohl auf 1404 datiert werden kann. Aber mit Gründung 1406 und als Bischofssitz und Hauptstadt, geb ich jetzt den Punkt als älteste Stadt im kanarischen Archipel an Teguise. (Ach stell dich nicht so an, Betancuria… in dir wohnen nur 700 Leute, du bist nicht mal eine Stadt!)

Natürlich gab es hier vor den Spaniern auch Siedlungen und natürlich ist das alles meist gar nicht gut für die Einheimischen ausgegangen. Aber auch die Spanier hatten es danach nicht gerade leicht. Piraten plünderten die Stadt immer wieder, zündeten sie an und ermordeten zahlreiche Bewohner oder machten sie zu Sklaven. Das auf dem 435 Meter hohen Vulkan Guanapay errichtete Castillo de Santa Bárbara wurde zum Schutz gegen diese Überfälle gebaut, erwies sich aber weitestgehend als nutzlos. (Bis ins 18. Jahrhundert wurden rund zwanzig Raubzüge gezählt.)

Seither ist es aber wunderbar ruhig hier. So ruhig, dass es nur schwer zu glauben ist. Ich habe ja schon Haría als eine Art Kulisse beschrieben. Teguise setzt aber durch seine Ausdehnung noch einen drauf. Hier läuft man eine Stunde von links nach rechts und kreuz und quer durch 500 Jahre alte Gassen und begegnet dabei keiner Menschenseele.

Beweisstücke A – G; meine Bilder sind von 3 unterschiedlichen Tagen und somit reichlich unterschiedlicher Wolkenlage:

Wer mich kennt, der weiß, dass mir Ruhe fast das kostbarste Gut ist. Ich bin zwar kein verschrobener Eigenbrötler, dessen größter Traum es ist irgendwo im Nirgendwo ein Selbstversorgerleben zu leben, aber besonders beim „Erkunden“ mag ich’s ruhig. Ich möchte Dinge auf mich wirken lassen und manchmal einfach länger nur so dastehen und gucken – und am liebsten ohne dabei die Wertung anderer Leute darüber im Ohr zu haben. (Andere Urlauber sind laut und tun gern laut ihre Meinung kund, es ist ja nun mal so.)

Und so ist auch das, was für die meisten anderen der Grund ist her zu kommen, für mich der Grund Teguise auf einem Sonntag großräumig zu umfahren. Was ja zum Glück auf einer Insel, auf der alle Ortschaften kilometerweit von einander entfernt liegen, schön einfach ist. Die Rede ist vom Sonntagsmarkt.

In jedem Reiseführer und Blog angepriesen – außer in diesem hier.

Denn das, was ich an Teguise und an den meisten kleinen (süd)europäischen Städtchen so mag, geht im sonntäglichen Gewusel gänzlich verloren. Während man sonst schon auf der Fahrt nach Teguise Vorfreude beim Anblick des Kirchturms verspürt, wird sie sonntags schon von einem Parkplatzeinweiser am Ortseingang weggefuchtelt. Und so zieht sich das durch.
Normal: Ruhe, Besinnung, gutes kanarisches Essen und kleine ausgefallene Läden. Sonntags: Lärm, Stress, Crêpes und Stände mit so nützlichen Urlaubsandenken wie Uhren, die aussehen wie Bierflaschen.

Du wolltest aber schon immer mal eine Bierflaschen-Wanduhr haben? Kein Problem. Ich verurteile dich nicht. Ich schau mir derweil einfach das Kopfsteinpflaster an. Und ich bin mir sicher, dass sich das für viele Leute genau so beknackt anhört, wie für mich das Wort Bierflaschen-Wanduhr.
Aber ich liebe es, wenn mir Kleinigkeiten auffallen wie die Tatsache, dass das Kopfsteinpflaster in den alten Gassen ja aus porösem Vulkangestein ist. Oh, und die Ecken von den Häusern auch… und ach, der ganze Kirchturm!
„Na, wo soll es denn sonst herkommen?!“ fragt mein Freund und erntet einen kleinen garstigen Blick. Denn obwohl es sehr logisch ist, dass man das Material nimmt, das nun mal da ist, bin ich eigentlich sehr stolz darauf diese Besonderheit ganz allein festgestellt zu haben.

Vulkansteine everywhere:

Gassen in Teguise

Was macht man denn nun in Teguise, wenn die Tante von dem Blog gesagt hat, dass zum Markt gehen irgendwie nicht geistreich und voll touristisch ist?
Naja, dann musst du wohl leider spazieren gehen. Denn nur so bekommt man das richtige Teguise-Gefühl. Dann gehst du kanarisch Essen. Direkt gegenüber der Kirche und somit eigentlich unübersehbar gibt es ein ursprüngliches Restaurant (Acatife) und auch sonst tauchen immer wieder Schilder mit „Cocina Canaria“ auf, da kann man nicht viel falsch machen. Und wenn du dann noch das Glück hast bei deinem Blick in die Kirche einer Konfirmation oder Taufe beizuwohnen, dann gibt’s sogar richtig was zu gucken und zu hören – über sehr sehr schlechte Boxen aber eben original canario.

Eben diese Form der Echtheit und Ursprünglichkeit macht Teguise zu etwas ganz Besonderem. Die Leute leben hier – auch wenn es meist nicht den Anschein hat. Aber das ein oder andere Mal werdet ihr eines der kleinen Fensterelemente in den grünen Türen in geöffnetem Zustand sehen und dahinter wahlweise eine Frau zwischen 80 und 120 Jahren erspähen, einen laufenden Fernseher, dem niemand zuschaut oder einen kleinen Hund, der Mittagsschlaf hält. Und dann seid ihr noch viel zufriedener neben der ganzen Historie auch ein bisschen was vom echten Leben auf Lanzarote mitbekommen zu haben, das sich so gar nicht nach 2017 anfühlt.

 

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