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Kuala Lumpur – ein Real Life Jump and Run Game

Wir landen und stellen fest, dass Kuala Lumpurs Flughafen eine echt große Nummer ist. In jeder Hinsicht. Das Gebäude hat Kilometer lange Seitenarme, an denen die Flugzeuge wie in ausladenden Parkbuchten halten – so hat man sich hier ganz einfach die lästigen Busse gespart und das Spiel auf eigene Verantwortung kann beginnen: Unübertriebene 30 Minuten laufen und fahren wir auf Beförderungsbändern in Richtung Einreiseschalter und Gepäckband, wo alles komplett reibungslos und ganz ohne die gewohnte unnötige Immigration-Card läuft.

Nächster Stop ist der Taxi Counter mit folgenden Optionen: Vorab-Bezahlung oder Taxi-Meter. Weil sicher sicher ist, bezahlen wir gleich in der Halle unsere Strecke, kriegen einen Beleg ausgedruckt mit dem wir zu „Gate 5“ gehen und in ein Taxi steigen. Das klappt. Nach 45 Minuten Fahrt stehen wir in unserem Hotel. Das Zimmer ist ein Witz aber wir sind viel zu müde, um uns aufzuregen und fallen gegen 2:00h in die quietschenden Federn, bevor wir uns am nächsten Morgen der Metropole hingeben wollen, von der wir schon erwarten, dass sie uns mit ihrer boomenden Art erschlagen könnte. Aber nachdem das Einstiegslevel so easy war, haben wir Lust auf die große Stadt.

In einer Doku, die wir auf YouTube finden konnten, wird das rasante Wachstum der Stadt von einem Architekten beschrieben. Besonders hängen bleibt: „Wenn Sie vor fünf Jahren hier waren, werden Sie sich wundern wie viel sich getan hat. Waren Sie vor zehn Jahren hier, werden Sie mit Sicherheit keinen Weg mehr finden und waren Sie vor fünfzehn Jahren hier, werden Sie die Stadt einfach nicht wiedererkennen.“
Und tatsächlich meint man die Entwicklung auch als Tourist, der nur zwei Tage hier verbringt, spüren zu können.

Level Up: Kuala Lumpurs Straßen. Europäisch wie eh und je, wollen wir laufen. Ich habe schließlich – mal wieder – das Hotel nach der Lage auf Google Maps ausgesucht, damit das alles kein Problem sein sollte. Die Erkenntnis, dass Kuala Lumpur keine Fußgängerstadt ist, kommt schnell. Es ist die perfekte Mischung aus unterschiedlichen Bordsteinhöhen vor jedem einzelnen Geschäft, klaffenden Bodenlöchern in Baustellen oder halb kaputten Gullideckeln und vor allem des Überhaupt-nicht-darauf-ausgerichtet-seins, dass hier irgendwer zu Fuß irgendwo hin wollen könnte. Das Handy ist keine Hilfe. „Ja, aber guck doch mal, wir müssen doch nur zu der großen Straße kommen und dann abbiegen.“ funktioniert nicht so gut, wenn die große Straße ein sechsspuriger Highway auf einer Brücke ist. Manchmal finden wir doch einen Weg, der sich allerdings nie so ganz richtig anfühlt. An der großen Moschee finden wir eine Unterführung, die blitzeblank und neu ist. Kommt man gegenüber raus, steht man allerdings im Beton-Nirgendwo. Eine Treppe, noch eine Treppe, ein Stück zu Fuß über ein verlassenes Parkhausdach, es regnet rein, eine alte Glaskuppel mit eingeschlagenen Fenstern, eine verlassene Passage, deren neu aussehender Plastikmüll aber erahnen lässt, dass hier manchmal Leute sein könnten, Gleise, die nirgends eingezeichnet sind, eine Brücke über eben jene, die von unserer Position aber nicht zu erreichen ist, und dann drehen wir eine Runde um ein Hochhaus, um festzustellen, dass der Weg zum langersehnten Fußgängerweg professionell mit Baustellenabsperrungsmaterial verrammelt wurde. Das Gefühl, dass man sich illegal über irgendwelche Wege, durch Häuser und Unterführungen bewegt, schwingt immer mit. Aber irgendwie schaffen wir es dann doch.

Die Stadtteile, die bereits „fertig“ sind, laden aber sehr wohl zum Laufen und Staunen ein. Aber kaum ein Stadtteil ist fertig. Ein paar einsame zweistöckige Häuschen stehen unter der Monorailschiene, dahinter sieben Wolkenkratzer. Ein Kontrast, der Kuala Lumpur gerade noch schön, besonders und divers wirken lässt. Ich hoffe, dass diese Häuser, die Wohnraum für Normalverdiener sind, nicht nur fünf Jahre vor Ablaufdatum stehen, sondern vielleicht ja sogar fünfzehn. Dass dann Ende ist, muss wohl auch ich hinnehmen.

Level Up: Sightseeing. Das hergerichtete China Town enttäuscht mit einem Überangebot an Ramsch. Zwischen den Ständen mit gefälschten Schuhen, Brillen, Taschen und Parfüms passen exakt zwei normal breite Menschen. Also jeweils einer in eine Richtung. Entscheidet sich dein Vordermann stehen zu bleiben, bist du verloren und musst dir die Gucci-Schirmkappe leider länger vom Kopf halten, als du es geplant hattest. Nachdem dann die Begeisterung über die Petronas Towers geschätzte 45 Sekunden hält und man so die zwei großen Highlights recht schnell durch hat, muss man sich wirklich überlegen, was man noch so anstellt mit seiner KL-Zeit.

Spontan entscheiden wir zu den Batu Caves zu fahren. Eine halbstündige Fahrt mit dem Zug. Google spielt mit, die Beschilderung am Bahnhof eigentlich auch soweit, was soll schief gehen? Wir ziehen die Strecke am Automaten und erhalten, nicht wie gewohnt ein Ticket mit Informationen, sondern zwei Plastik-Coins, die mit unserem Restgeld in die Automatenklappe fallen. Ein Jackpot fühlt sich anders an.
„Und jetzt? Ich dachte, wenn ich erst ein Ticket in der Hand halte, wird alles ganz einfach.“ sage ich. „Na, aber hier steht ja schon mal dran, dass die Linie dahin fährt, lass uns einfach runter gehen.“ ist die Antwort, die erst mal nicht falsch gedacht ist. Wir aktivieren den Coin am Einlass zum Gleis, um 20 Sekunden später festzustellen: hier fährt der Zug nicht. Leicht genervt über das System, drehen wir um, versenken die Coins im Wert von 5,20 MYR auf Nimmerwiedersehen und stehen wieder in der Halle.
Unsere nächste Chance ist der normale Counter. Die Dame vom Schalter erklärt, wir müssen einen Bus nehmen bevor wir den Zug nehmen können, sie könne uns aber hier die Tickets verkaufen, alles klar. Was wir erhalten sind (natürlich) zwei Plastik-Coins und die Anweisung nach links aus dem Gebäude zu gehen. Machen wir es kurz: „nach links gehen“ funktioniert nicht ohne Verlaufen, sich an die Fersen von anderen Westlern zu hängen, in der Hoffnung, diese hätten mehr Plan und ohne bedingungsloses Vertrauen in den Typen, der sagt „Yes yes, this Bus.“. Vom Bus werden wir zügig von wild winkendem Personal in den Zug gelotst. Also doch alles richtig, bis auf diese eine Sache: keiner interessiert sich für unsere Coins. Irgendwann erreichen wir die Haltestelle und nun kommt es, wie es kommen musste und der niemals aktivierte Coin verweigert uns und allen anderen Touris den Austritt aus dem eigentlich so ausgeklügeltem Coin-Zug-System. Nur eine Schranke macht nicht mit: ganz links außen ist kaputt und unsere Chance. Schnell huschen wir durch und beglückwünschen uns so zur gewonnenen Rückfahrt mit den Coins, die immer noch fest in unserer Hand liegen. Das Geld von unserem ersten Versuch ist wieder drin. Der Punkt geht an uns!
(Und die Batu Caves selbst lasse ich hier lieber unkommentiert, weil mir sonst wieder Nörgelei vorgeworfen wird…)

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Level Up: Endgegner Tropenklima. Nach einem Monat an glühendheißen Stränden, im Regenwald, Abstechern in den Grillrauch von Märkten und in voller Montur ins Salzwasser, ist es die Malaysische Hauptstadt, die uns den Schweiß nicht nur auf die Stirn, sondern wirklich überall hin treibt.

Wir geben uns geschlagen und flüchten in die gut klimatisierte Mall der Petronas Towers, um ein neues T-Shirt zu kaufen und sich auf der öffentliche Toilette umzuziehen, weil man endgültig nicht mehr sozial verträglich aussieht. Chapeau Kuala Lumpur, du hast echt alles gegeben.

Apropos alles geben: Es gibt nichts, was es in Malaysia nicht gibt. Durch seine Lage im sprichwörtlichen Herzen Südostasiens, zwischen China auf der einen und Indien und der arabischen Welt der anderen Seite, wurde Malaysia Jahrhunderte von den verschiedensten Kulturen beeinflusst. Heute stammt rund die Hälfte der etwa 28 Millionen Einwohner Malaysias aus anderen Regionen der Erde. Die städtische Bevölkerung Kuala Lumpurs besteht zu 52% aus Chinesen, 39% Malaien und 6% Indern. Hinzu kommen Araber, Sri Lanker, Europäer, Indonesier und Philippiner.

Dass ethnische Gruppen und Religionen so vielfältig und friedlich nebeneinander existieren, überrascht einen dann doch mehr, als man erwartet hätte. Wenn man zu Hause schon mit dem Begriff „Multikulti“ um sich wirft, weil man 5 – 6% Muslime in Deutschland hat, weiß ich gar nicht wie man die Gesellschaft hier bezeichnen kann. „Mega-Ultra-Multi-Reli-Kulti“ vielleicht.

Ist man durch mit dem Essen an chinesischen Garküchen, läuft man am Hindutempel vorbei direkt in das Shopping-Mekka für Hischabs, Chimars und Nikabs und erst mal angekommen in den Schluchten der Hochhäuser, sieht man dann auch den ein oder anderen westlichen Expat seine blondgelockten Kinder zum Sport bringen. Und die Idee des Miteinanders kommt einem hier eben nicht vor wie eine Idee. Auch wenn ich mich eine Stunde zwischen den Kopftuchgeschäften rumtreibe (wo sind eigentlich all die anderen Geschäftszweige vertreten?) und die einzige Frau bin, die keines trägt (wo sind eigentlich all die anderen Touristen die ganze Zeit?), habe ich kein einziges Mal das Gefühl angeschaut zu werden. Nicht herablassend, nicht anzüglich, nicht irgendwas. Und genau das macht Kuala Lumpur zu einem Reiseziel. Alles, was explizit als Touristenattraktion ausgewiesen ist, enttäuscht uns (Oh, was war dieser Eco Park traurig!), aber die Stadt für sich und das Leben in ihr sind etwas ganz besonderes.

Jetzt möchten die Stadt mit einem Reisebus verlassen – zu einem Ort, der uns noch mehr „Schmelztiegel der Kulturen“ zu sein verspricht: Georgetown auf Penang.
Man solle eine halbe Stunde vor Abfahrt da sein. Das können wir natürlich überbieten und sind eine Stunde eher da. Der Bus hält und wieder mal will keiner unser Ticket sehen. Das ist okay bis wir uns eine Minute später in Bewegung setzen – eine halbe Stunde vor geplanter Abfahrtszeit! Das fühlt sich nicht richtig an. Wieso fährt der um 11:30 los, wenn 12:00 gekauft ist? Einige Zeit verbringen wir mit unsicheren Blicken aus dem Fenster und aufs Telefon, ob wir uns wenigstens grob in die richtige Richtung bewegen. Sieht gut aus.

Bleibt nur zu hoffen, dass unser nächstes Reiseziel ein nicht ganz so verwirrendes Spiel wird.

1 Kommentar zu “Kuala Lumpur – ein Real Life Jump and Run Game

  1. (Kann ich hier als Gast kommentieren?)

    Moin ihr zwei Pappnasen,
    wisst ihr, ich sitze hier im kalten, regnerischen Hamburg und erfreue mich an euren Worten. Dann und wann schlender ich hier mal vorbei und denke: „Was machen wohl meine liebsten St. Georgianer und wie viel hat Louisa jetzt wieder zu meckern?“ Wobei, das darfst du nicht zu persönlich nehmen: nichts ist besser als eine ehrliche Meinung. Manchmal denke ich beim Lesen: „Nagut, Clemens und Louisa sagen das ist nichts, also hab ich nichts verpasst.“ und das ist irgendwie beruhigend.

    Und Himmel – die Bilder, die gefallen mir richtig. Wie braun seid ihr bitte? Und ihr seht so gesund aus! Ich bin ganz begeistert und freue mich, dass es euch gut zu gehen scheint. 🙂 Und ein klitzekleines bisschen wünschte ich heute mit euch indisch essen zu können zwischen Tuktuks, Wäscheleinen und holprigen Bordsteinen. Aber das holen wir halt nach, wenn ihr back in town seid.

    Liebste Grüße aus Hamburgi
    und von mir,
    Miri

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