Alle Asien Stadt

Singapur – wo heute schon morgen ist.

Vor der Reise dachte ich: Ich verbinde nicht viel mit Singapur. Das sind die mit den Strafen auf Kaugummi oder? Teuer und sauber soll es sein. Sehenswürdigkeiten – keine Ahnung.

Nach der Reise denke ich: Ich verbinde mit Singapur nun Freundlichkeit, Innovation, Einfachheit, Diversität und… das mit den Strafen für Kaugummi und Müll im Allgemeinen. Medium teuer aber Maximum sauber und eine Sehenswürdigkeit für sich.


Changi Airport empfängt uns nicht nur mit dem sprichwörtlich ausgerolltem Teppich – sondern auch mit dem echten. Schon nach zwei Minuten wird klar: das hier ist ein bisschen schicker, als alles andere, was ich bisher gesehen habe. Und während wir die same procedure as everytime erwarten, bekommen wir für das günstigste SIM-Kartenangebot 100 GB (in Worten EINHUNDERT) und anschließend für 9$ ~ 5,60€ einen Shuttle Service direkt vor die Hoteltür. Das ganze funktioniert ohne Vorbereitung und ohne Abzocke: an einem Automaten, der ausgewiesen ist als Transport-Terminal für private Transfers und Shared Buses, sind alle Hotels der Stadt erfasst; die nächste Abfahrtszeit ist in 15 Minuten, man bekommt einen Bon, wird abgeholt, setzt sich in wunderbar bequeme Sitze, die alle einen Stromanschluss haben und muss nun nichts mehr tun, außer die Aussicht zu genießen.

Und so überzeugt  uns Singapur gleich am ersten Abend als Stadt, in der man leben kann. Während die touristischen Hauptattraktionen auch hier mal wieder ein bisschen zu wünschen übrig lassen, schmieden wir dennoch täglich Auswanderungspläne. Gebt uns ungefähr drei Jahre.

In den berühmten Gardens by the Bay lohnt sich ein Spaziergang – oder zwei, das Gelände ist um die 100 Hektar groß. Die Markenzeichen der Stadt sind quasi alle an einem Ufer zu finden. Fotos von den bewachsenen Stahl-Bäumen, den“Super Trees“, die in den Himmel ragen, vom imposanten Marina Bay Sands Gebäude und von der Skyline sind in einer Laufentfernung von 5 Minuten zu knipsen.

Den Eintritt für den Sky Walk und vor allem für den Flower Dome kann man sich allerdings getrost schenken. Der Cloud Forest ist nett gedacht (ein Wasserfall in einer Halle mit schönen Pflanzen und Brücken auf verschiedenen Höhen), aber hier stellen wir fest, dass vieles einfach von Asiaten für Asiaten gemacht wird, was im Klartext bedeutet: jedes Social-Media-Foto von hier auf dem man sich als wahlweise Kosmopolit in einer coolen Location oder als naturverbundener aber moderner Hippie inszeniert, wäre on point – wenn das denn die Erwartung an einen Ausflug ist.

Und so kommt es, dass wir wieder ein bisschen durch die Attraktion hetzen, immer den Selfie-Sticks ausweichend und kopfschüttelnd darüber worin andere Leute ein Fotomotiv sehen. „Das sind doch Geranien, genauso hässlich und übelriechend wie immer“ denke ich, die Schlange Chinesen vor mir denkt „Selten so ein geniales Fotomotiv gesehen, davon brauche ich noch drei Schüsse im Close-Up“, vermute ich…

Die Light-Show (Beginn 19:45h) der Gardens by the Bay lässt sich von vielen Stellen im Park aus bequem sehen. Weil wir so früh fertig sind, setzen wir uns ins Gras an einer Stelle, an der wir die perfekte ungestörte Aussicht haben und fragen uns warum hier niemand vorbei kommt. Denn es scheint wie so oft zu sein, wenn hier kein Shuttle hält oder eine explizit ausgewiesene Attraktion wartet, dann läuft hier auch keiner her. Kurz bevor es los gehen soll, bricht bei mir leider keine Begeisterung sondern eine handfeste Allergie aus. Der Hals zieht sich zu, das Husten kommt aus aller tiefster Kehle, die Nase läuft und wir müssen weiter ziehen. „Vielleicht sitzt deswegen auch keiner hier, niemand ist dumm genug sich in die Tod bringenden Pflanzen zu setzen.“ scherzen wir, nachdem es mir besser geht. Lesson learned: Man kann Allergiker sein ohne es zu wissen, setz dich einfach inmitten exotischen Krams mit dem dein Körper noch nie zu tun hatte und warte, was passiert – eine Erfahrung für die ganze Familie!

Weitere Highlights sind wohl größtenteils architektonischer Art. Wolkenkratzer rauben einem von weitem den Atem in ihrer Anzahl, kommt man aber näher erschlagen sie einen nicht. Geschickt geplant auf Pfeilern, mit Grünflächen in, um und auf den Gebäuden und mit Glasfassaden fühlt sich diese Art des Hochhäuser-Bauens luftiger an als anderswo. Keine Betonschluchten von New York.

Und um die nächste Ecke warten immer noch koloniale Straßenzüge mitsamt großer Theater, Hotels und Brücken und chinesische Tempel. Allesamt gehegt und gepflegt. Was in Malaysias George Town nicht statt gefunden hat, spielt sich hier auf dem gewohnt hohen Niveau ab. So sieht man den Gebäuden nur am Baustil ihr Alter an, durch die perfekte Pflege möchte man aber sofort einziehen.
Apropos, ich hab hier was zur Miete, falls jemand sucht:

Das Öffi-System ist denkbar einfach und hat nur den einen Haken, den wir schon aus Malaysia kannten: kein Wechselgeld in Bussen. Entweder hast du gleich die Karte, um dich ein- und auszuchippen (hier gibt es verschiedene Angebote für Touristen und man kann die Karte an vielen Stellen aufladen) oder du fragst den Busfahrer nach dem Preis und musst dann passend oder mehr einwerfen. So versenken wir manchmal einen Fünfer obwohl die Fahrt knapp drei gekostet hätte, aber auch das kann man angesichts der Preise zu Hause verkraften.

Sowieso empfinden wir Singapur nicht als so „rasend teuer“, wie das gesamte restliche Internet. Gemessen an Asien haut die Aussage bestimmt hin und ist nur von Japan zu toppen. Aber abgesehen von den Hotelpreisen, ist das alltägliche Leben für uns günstiger als in Deutschland. So geben wir für manche Hauptmahlzeiten 6,50$ ~ 4€ aus und für andere 13$ ~ 8,20€ (und es geht noch wesentlich günstiger) – damit komme ich in Hamburg nicht hin. Plus der günstigeren Öffis und absolut nachvollziehbaren Getränkepreise und Eintrittsgelder (Gardens by the Bay 2 „Attraktionen“ für 2 Personen 35€) kann man sich einen drei- oder viertägigen Aufenthalt als Normalverdiener gut leisten, wenn man denn will.

Was aber natürlich auffällt ist, dass diese Stadt Geld atmet. Abgesehen von großen Bauprojekten und toller technischer Innovationen, fällt das auch in den Einkaufsstraßen, wie der Orchard Road, auf. Andere Städte mögen sich auch einen schlecht besuchten Louis Vuitton Laden gönnen, Singapur hat fünf – vor denen die Leute Schlange stehen. Hier reihen sich Edel-Boutiquen an Edel-Boutiquen. Aber da muss man ja nicht reingehen. Und so beträgt unsere Rechnung mit Fahrten, Eintritt und Essen am Ende von vier Tagen ca. 200€ für zwei Personen. Was wir für einen guten Schnitt im „raaaasend teuren“ Singapur halten und zufrieden schlafen gehen.

Nicht zuletzt auch weil sich Mount Agung auf Bali, unserem nächsten Ziel, seit vier Tagen versöhnlich zeigt. Dementsprechend gut schlafen wir in unserer letzten Nacht. Um einen Flieger um 12:15 zu kriegen, reicht es ja schließlich einen Wecker um 8:00 zu haben. Der erste Blick nach dem Aufwachen dient Google und unserer Flugnummer: Cancelled. Vor 4 Minuten und 33 Sekunden. Wirklich jetzt? Wir rufen die Seite des Flughafens Bali auf, um festzustellen, dass der Flug wohl offiziell gecancelled ist aber sechs andere Maschinen aus Singapur quasi zeitgleich fliegen. Das macht es im ersten Moment so gar nicht besser. „Was soll denn die Scheiße?“ fluche ich, „Du kannst denen doch jetzt keinen Vorwurf machen, dass sie Sicherheit vorgehen lassen.“ ist die Antwort, „Sicherheit papperlapapp, da geht noch ein AirAsia Flug. Zieh dich an. Wir haben eineinhalb Stunden, um den zu bekommen.“

Um 9:02 stehen wir am Flughafen, wie wir das geschafft haben, weiß ich nicht genau aber es macht uns Hoffnung. Jetzt müssen wir nur noch das Personal davon überzeugen, dass wir ganz arme Schweine sind. Ich bereite mich schon mal darauf vor loszuheulen, man kriegt ja schließlich nichts geschenkt. Oder doch?

Das System ist ein bisschen verwirrend. Selbst-Check-In-Schalter, Selbst-Drop-off-Schalter, ein Premium-Flex-Schalter, ein Pass-Kontrolle-Schalter, kein Allgemeiner-Informationen-oder-Hilfe-wir-sind-vielleicht-am-Arsch-Schalter. Wirklich sicher, ob der Flug gestrichen wurde, sind wir uns auch nicht mehr. AirAsia hat weder eine SMS, noch eine Mail geschickt. Da hilft nur die erste Person in Uniformierung fragen. Unsere Infos: Flug nach Bali. Gestrichen. Change flights. Ihre Infos: Zu Tür 1 gehen. An Tür 1 befinden sich zehn Schalter, keiner davon besetzt. Obwohl doch, warte, da sitzt einer. Aber auf seinem Screen steht nichts und auch sonst wirkt er eher so, als würde er dort ein Päuschen einlegen. Naja, egal, fragen müssen wir ihn jetzt trotzdem. Dazu kommen wir nicht. Bevor wir überhaupt zum Stehen kommen fragt er „To Bali?“ Ja! „Okay, I’ll change you to an earlier flight.“ Ja! Ja! Die Buchungsnummer und die Pässe bitte, fertig. Es ist 9:08 und wir fühlen uns wie die Könige der Welt. Nicht mal das ekelhafte Kind, das vor uns in der Schlange seinen Popel isst, kann meine Laune trüben. Und so machen wir zum ersten Mal in unserem Leben so ein peinliches Hey-wir-sind-hier-am-Flughafen-und-mega-happy-wie-unser-Leben-läuft-Video.

Bis zum Schluss bekomme ich keine Nachricht von AirAsia zur Streichung meines eigentlichen Flugs. Der, den wir jetzt nehmen sollen, hat Verspätung. Ich traue dem Braten also noch nicht ganz. „Dein Sicherheitsargument ist doch vollkommen Banane, wenn dieser Flieger jetzt 11:45 abhebt.“ – „Da kannst du wohl Recht haben.“ Und so bleibe ich skeptisch bis zur letzten Sekunde. Erst als der Screen das Boarding anzeigt, buche ich im gehen zu Platz 5D ein Hotel auf Bali, ein Boot und zwei Flüge nach Japan zur Ausreise. Punktlandung, danke an Singapurs mobile Daten! Wir klatschen ab und heben ab.

Uns begeisterte Singapur von der ersten bis zur aller letzten Sekunde, in der wir das Land an einem Selbstbedienungsterminal verlassen. Denn mal ganz ehrlich: einen Pass und einen Fingerabdruck scannen, das können die meisten selbst. Und wenn nicht, warten natürlich immer noch zehn Leute vom freundlichen Personal, die assistieren.

Immer wieder sagen wir uns und anderen „Das ist die Stadt der Zukunft“ aber wenn man mal ganz genau darüber nachdenkt, ist es eigentlich nur „Die Stadt von heute“ und wir haben es nur nicht gewusst.

Bisher habe ich nicht zum Team Deutschland-Bashing gehört. Mich interessieren die Elbphilharmonie und der Flughafen BER auch immer noch nicht wirklich. Aber wenn man genau darüber nachdenkt mit welcher Selbstverständlichkeit man sich als Nabel der westlichen Industrienationen-Welt sieht und andere einem auch noch versichern „Yeah, Germany – great quality, good engineering, nice country!“ und dann das hier sieht, kann man nicht anders als sich selbst auszulachen oder zu schämen.

Denn: Was ist schon an gutem Internet, Stromversorgung für Passagiere an Flughäfen, funktionierenden Screens in öffentlichen Verkehrsmitteln oder einem Shuttle-Service-System, dass schlicht und ergreifend die Hotels der Stadt gelistet hat so sehr Zukunftsmusik? Eigentlich gar nichts. Wir haben es in Deutschland schlicht und ergreifend nur nicht und die Gründe dafür werden mir nicht wirklich klar.

PS: Ich würde lieber die nächsten Monate auf den Toiletten von Terminal 4 wohnen, als in meiner eigenen Wohnung und wenn das kein überzeugendes Kompliment und Argument für diese Stadt ist, dann weiß ich auch nicht.

7 Kommentare zu “Singapur – wo heute schon morgen ist.

  1. magdalenagajewski

    Hey Louisa,

    wie immer herrlich erfrischend geschrieben. Viele wissenswerte Fakten untermalt mit schönen Bildern. Von Singapur musste mich zwar niemand mehr überzeugen, aber dein Bericht macht die Reiselust noch größer. Eine Frage: Für wieviel habt ihr die SIM-Karte bekommen? Entweder es steht nicht im Artikel oder ich verstehe es nicht. Beides gut möglich 🙂

    Und ich schließe mich dir an: Ich möchte in dem Fall auch sehr gerne auf den Toiletten in Terminal 4 wohnen. Ist da noch Platz? *grins*

    Liebe Grüße
    Magdalena

    Gefällt 1 Person

    • Deine Kommentare sind immer das liebste!

      Ich habe keinen Preis geschrieben aber das Paket mit dem 100 GB hat 20€ gekostet, was verhältnismäßig viel ist. Der Anbieter heißt happy und die haben eigentlich auch noch „nur Internet Karten“ ohne Telefon, was ich auch noch nicht so gesehen hatte und günstigere Pakete aber taktisch klug nicht am Flughafen. Uns war’s trotzdem nicht zu teuer, denn: die Karte läuft auch in Malaysia und Indonesien :O

      Also sitzen wir auf Bali und haben immer noch Internet!

      Wenn ich ein Angebot für eine nette Kabine im Terminal bekomme, darfst du mitkommen!

      Danke, dass du liest und kommentierst :)))

      Gefällt mir

  2. Hallo Louisa!

    Das ist ein super schöner Post! Ich selbst war noch nie in Singapur, aber nun habe ich einen kleinen, feinen Eindruck und es scheint eine wirklich tolle Stadt zu sein! Singapur kommt auf meine Liste „Places I want to go“!

    Liebe Grüße aus China,
    Marlene

    Gefällt mir

  3. Moin ihr Pappnasen,

    in Hamburg ist Sonne und ich gammel im Bett, statt an den Hafen zu fahren. Aber gut so, denn ich hab endlich den neuen Beitrag gelesen und HERZHAFT gelacht: Ich würde lieber die nächsten Monate auf den Toiletten von Terminal 4 wohnen, als in meiner eigenen Wohnung und wenn das kein überzeugendes Kompliment und Argument für diese Stadt ist, dann weiß ich auch nicht.

    Was sagt mir das?
    1. auf meinem Rückflug von Neuseeland nach Hause werde ich also auf jeden Fall über Singapur fliegen – allein um mir einmal die Toiletten anzuschauen!
    2. zieht ihr dann 2019 bitte auf besagte Toiletten? dann nehme ich eure schicke Bude am Hauptbahnhof 😉
    Danke!

    Much love und der ganze Käse aus sunny Hamburg

    eure Miri x

    Gefällt mir

    • Wir räumen das Mäuseloch sofort wenn wir wieder kommen. Aber dann willst du ja nicht! 😁

      Aber ich sag dir eins: flieg lieber nach Japan. Viel spannender ist es hier gerade. Und ich glaube dich so einschätzen zu können, dass das mehr dein Ding ist ❤

      Danke für's lesen.
      Kein Danke für's wegziehen.

      Tschauuuu

      Gefällt mir

  4. Pingback: Die Ruhe im Großstadtsturm: Tokio – Erst mal weg.

  5. LittleLintu

    Ein sehr schöner und witziger Artikel! 😀
    Ich wohne seit Oktober (noch bis Ende März) in Singapur und es ist schon teuer.
    Ihr wart vielleicht nicht in den Supermärkten, aber bei mir um mein Student-Hostel gibt es keine coolen Essensmöglichkeiten, also fahr ich nach der Uni auch mal im Supermarkt vorbei. Und da ist man ganz schnell, ganz viel Geld los 😀
    Und auch Wohnen selbst ist nicht allzu günstig, wobei man schon gute Hotels/Hostels für gutes Geld kriegen kann.
    Viele Grüße aus Singapur 🙂
    Michelle
    http://gowhereyourhearttellsyoutogo.wordpress.com/

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: