Alle Asien Stadt

Die Ruhe im Großstadtsturm: Tokio

Vor der Reise dachte ich: Das wird schrill, bunt und laut.

Nach der Reise denke ich: Das war erstaunlich unaufgeregt und unfassbar still.


Bereits nach fünf Minuten in Japan schlägt mein deutsches ordnungsliebendes Herzchen höher. Am Flughafen Narita reihen wir uns in die Flughafen-Bus-Schlange ein und als ob es nicht schon schön genug wäre, dass absolut jeder sich einfach ruhig hinten anstellt, rücken Mensch und Gepäck ganz friedlich von Warteschlangenzone 2 zu 1 auf, als der erste Bus voll abfährt und auf den nächsten gewartet wird.

Und dabei hat man doch schon das schlimmste befürchtet. Mit an die 10 Millionen Einwohnern ist Tokio nämlich nicht nur die bevölkerungsreichste Stadt Japans, sondern bildet mit umliegenden Städten als Ballungsgebiet tatsächlich die größte Metropolregion der Welt – mit 37,555 Millionen Einwohnern (Stand 2014).

Bilder von Menschen, die wie eine große Masse menschliche Knete in U-Bahnen gedrückt werden, hat jeder schon mal gesehen und das erste Bild, das sowieso vor dem inneren Auge beim Wort „Tokio“ erscheint, ist wohl blinkende Leuchtreklame, die sich unendlich in die Weite und Höhe erstreckt. Dazu stellt man sich eine ebenso schrille Geräuschkulisse vor.

Doch dann ist – wie so oft – alles anders. Leute und Schilder sind natürlich da, aber eine fast gespenstische Stille liegt unter der Woche am Tag über der Stadt. Denn der Clou zum Zusammenleben mit 37 Millionen anderen Menschen ist wohl: Rücksicht nehmen.

Und auch wenn man sich schon dachte, dass der Stereotyp-Japaner ein zurückhaltender aber zuvorkommender Zeitgenosse ist, dann war immer noch nicht damit zu rechnen, dass gänzlich nicht laut öffentlich telefoniert wird oder Medien konsumiert werden. Anders als im Rest der asiatischen Welt wird hier mucksmäuschenstill vor sich hin gespielt oder gelesen. Auch die restliche Kommunikation im öffentlichen Raum läuft relativ nonverbal ganz gut. Es wird aufgestanden für Kinder und Alte, es wird automatisch zur Seite und zusammengerückt; dabei wurde übrigens zudem perfektioniert nicht zu nah am Nebenmann zu stehen, wenn es sich vermeiden lässt (bitte trotzdem als Touri nicht zu den Arbeits-Stoßzeiten fahren) und muss denn nun wirklich wirklich dringend telefoniert werden, dann hinter vorgehaltener Hand. Ein komplett neues Gefühl die lautesten beiden Passagiere in der Bahn zu sein, weil wir hin und wieder besprechen wo wir umsteigen müssen, fährt mit.

Auch das Prozedere auf der legendären Kreuzung im Viertel Shibuya – wahrscheinlich der erste Anlaufpunkt für jeden auf einer Tokio-Reise – wirkt von außen betrachtet wesentlich wilder als es ist. Alle Fußgängerampeln springen zusammen auf grün und es wird zeitgleich mit tausenden Leuten in alle Richtungen losgelaufen. Durch das respektvolle Miteinander und ganz ohne Hektik fühlt es sich an wie jede andere Fußgängerampel der Welt.

Sowieso birgt das Fortbewegen in Japan eigentlich kaum Tücken. Nur eine wäre da zu nennen: verschiedene Bahn-Anbieter im Stadtbereich.
Maps ist soweit eine Hilfe, wie es kann. Und das ist hier schon echt gut. Die Verbindungen sind alle gut abrufbar mit Zeiten und ganz wichtig: mit Preis. Den löst man nämlich am besten pro Fahrt. Ein Tagesticket schien uns erst super clever, dieses umfasst allerdings eben nicht alle Öffis und so standen wir dann mit unserem wohl überlegtem Kombiticket von Tokyo Metro und Toei Line da und mussten aber eine JR-Verbindung nehmen und abermals lösen. Aber so easy geht’s eigentlich:

1. Maps sagen wo es hingehen soll. Dann sagt Maps (wie immer) wo es lang geht und zuverlässig was es kostet. Hier könnt ihr auch gleich an den verschiedenen Icons sehen, dass es sich um verschiedene Betriebe handelt (runde, eckige und andere Symbole):

Screenshot_20180103-193834.jpg

Normale Fahrten: ca. 220 Yen ~ 1,60€
Lange Fahrten, wie hier: 350 Yen ~ 2,50€

2. In der jeweiligen Haltestelle (es ist preislich nicht wichtig mit welcher Bahn man fährt, man muss nur einfach wissen, welche in dem 900-Yen-Tagesticket nicht drin wären), an den Automaten gehen und dann auf den Preis und links auf die Personenanzahl drücken. Das ist idiotensicher und sogar auf Englisch.

IMG_20171215_103652.jpg

3. Und falls du dich vertan hast oder dich unterwegs umentscheidest, gibt es die denkbar einfachste Erfindung: den Nachlöse-Automaten. Fahr also wohin du willst oder aus Versehen nicht wolltest und bevor du rausgehst, löse nach. Du gibst einfach dein Ticket ein, der Automat sagt dir was du nachschmeißen musst und schon hast du ein neues Ticket!

Jetzt kann’s also losgehen zu allen Sehenswürdigkeiten. Neben Shibuya, treibt es alle Touristen zum buddhistischen Sensō-ji Tempel / Asakusa Schrein.
Hier ist es etwas überlaufen und für uns – „Schon-in-China-Gewesene“ – auch kein großes Highlight. Was sehr nett ist, sind die Wahrsage-Zettelchen, die man sich selbst ziehen kann. Aus einem großen Bündel Stäbchen schüttelst du eines heraus und die darauf zu findende Zahl bestimmt, welcher dein Zukunfts-Zettel ist. Einfacher kommt man wohl nicht an eine Prognose für das nächste Jahr. Unsere lässt zumindest in Sachen Reisen auf besseres hoffen!

Ebenfalls ein netter Zeitvertreib ist die angeschlossene Nakamise-Dōri – eine Straße mit Fressbuden und Souvenirläden, die zum Teil ein paar traditionellere und nicht aus Vollplastik gefertigte Andenken anbieten. In der Abenddämerung besonders schön!

Ebenso stark frequentiert ist Touri-Highlight #3: der Tsukiji-Fischmarkt. Nachdem wir gelesen haben, dass Touristen auf den Auktionen und im inneren Markt gar nicht mal so gern gesehen sind, weil sie bei der harten körperlichen Arbeit im Weg rumstehen (ich kann mir lebhaft vorstellen, dass genau wir beide nicht gemeint wären aber vermutlich würde ich mich selbst viel zu sehr über die Im-Weg-Rumsteher aufregen!) wühlen wir uns „nur“ durch den äußeren Markt. Aber auch dafür kann man gut und gerne eine Stunde einplanen. Man schiebt sich im Zick-Zack durch die Gassen, guckt und isst sich satt – natürlich nur als Fischesser. Als Tourist möchte man ja meist keinen frischen halben Meter großen Thunfischkopf auf Eis shoppen, sondern lässt sich nach ausgiebigem Geglotze bekochen. Das kann man hier mit jedem Geldbeutel: Es gibt günstige Stände, mittelpreisige Stände, Restaurants und Running-Sushi und Luxus-Sushi-Schuppen.
Der Markt löst verschiedene Gedanken bei mir aus. Und nach „Oh cool, dass hier in so großem Stil frisches Essen verkauft wird“ bleibt immer mehr „Überfischung ist eins der größten Probleme überhaupt und sowieso… man, sind das viele tote Tiere…“ hängen. (Ein Gedankengang, der mir aber auch bei jedem Gang über spanische Märkte kommt).
Ich würde sagen der Fischmarkt ist kein unbedingtes Must-see.
Mein Freund sagt doch.

Weniger Menschen trifft man in der Nähe von Museen. Das kann aber auch daran liegen, dass diese unter Umständen nicht besonders gut sind. Das Nationalmuseum Tokio, für welches wir uns entschieden haben, ist ein etwas muffiges Gebäude mit wenig Liebe zum Detail. Wer aber Lust auf alte asiatische Dinge – vom handgeschriebenen Kochbuch, über Schwerter, bis hin zum gefütterten Winter-Kimono hat – kann hier für 620 Yen ~ 4,50€ (410 ~ 3€ für Studenten) gut etwas Zeit verbringen.

Ebenfalls recht wenig besucht war die Aussichtsplattorm, für die wir uns entschieden haben. Zugegeben, natürlich wären wir am liebsten auf die kostenlose der Stadtverwaltung gegangen. Aber wer am Wochenende kommt, kommt leider zu spät.
Wer nach Aussichtsplattformen in Tokio sucht, wird auf jeden Fall fündig mit etwas bei sich in der Nähe. Bei uns ist es am Ende das World Trade Center Observation Deck geworden. Die Meinungen auf Trip Advisor sind geteilt und man hat unglücklicherweise gerade ein ebenso hohes Gebäude auf eine Seite des Komplexes gebaut, dennoch stimmt hier das Preis-Sicht-Verhältnis. Es ist mit 600 Yen die günstigste der Bezahl-Plattformen und man hat einen sehr guten Blick auf den Tokyo Tower.

Unbedingt eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang kommen und alle nur erdenklichen Views von Tokio mitnehmen!

Und wenn man so ein schlechtes Guesthouse wie wir hat, lohnt es sich ja eh doppelt außer Haus zu sein. Aber was anderes als das Zimmer, in welchem ich drei Tage nicht ins Bad gegangen bin (ja, wirklich!), kann man sich hier wirklich kaum leisten.
Leider hat sich dann nämlich doch eine der klassischen Japan-Befürchtungen bestätigt: es ist wirklich so teuer, wie alle sagen. Dabei hatte nicht nach Singapur doch noch Hoffnung, dass es anders sein könnte. Aber Hotels kosten Kleinwagen und Mittagessen kosten Großeinkäufe. Dann noch ein Shinkasen-Ticket nach Kyoto für 103€ pro Person hinterher und man möchte vorsichtshalber schon mal die Nummer von Peter Zwegat auf der Kurzwahltaste speichern.

Aber ich kann Japan das verzeihen. Denn besonders begeistert hat mich Tokio eben damit, dass sich die Stadt nicht anbiedert (Besonders im Vergleich zu den von uns zuvor bereisten Ländern!).
Hier ist nichts wirklich auf (westliche) Touristen ausgelegt. Weder um sie in irgendwelche Fallen zu locken, noch um ihnen Touren mit unverhältnismäßigen Preisen anzudrehen (Sensō-ji ist kostenlos). Alle Zahlen die gleichen Preise. Zudem war es schön zu sehen, dass die Stadt wahrhaftig von ganz normalen Menschen bewohnt wird. Auch wenn mit Sicherheit einiges abgerissen wird oder bereits abgerissen worden ist, gibt es sehr viel Wohnraum, der nicht hochgebaut ist – wie auf den Bildern vielleicht zu erkennen – und wenn man sich mal links und rechts reinschlägt, merkt man noch viel mehr von der Ruhe und Unaufgeregtheit der größten Metropolregion der Welt.

3 Kommentare zu “Die Ruhe im Großstadtsturm: Tokio

  1. magdalenagajewski

    Hallo Louisa,
    wieder ein sehr ehrlicher und packender Beitrag – ich mag deinen offenen Schreibstil 🙂

    Wie lang seid ihr denn in Tokio gewesen bzw. wie lange würdest du empfehlen?

    Liebe Grüße
    Magdalena

    Gefällt 1 Person

    • Hello again 🙂

      Wir waren drei Nächte dort und ich fand es die richtige Zeit (aber unser Zimmer war ja auch echt blöd).

      Ich find es schwierig einzuschätzen, da wir echt n bisschen anders verreisen als viele Leute, denen ich so begegnet bin. Wir sind irgendwie „effizient“ und das meine ich genauso unromantisch wie es sich anhört.
      Wir haben halt noch nie eine Stadtführung mitgemacht oder nach einer Aussichtsplattform noch eine zweite angeguckt. Zudem war Winter, was heißt: rumliegen unter Kirschblüten oder im strahlenden Sonnenschein ein Eis essen fiel dieses Mal ja auch raus.

      Lange Rede, kurzer Sinn: in 3-4 Tagen bekommt man ein gutes Gefühl für die Stadt, dann noch mal das gleiche für Kyoto einplanen und noch eine Nacht am Fuji oder in Osaka und dann sind die Urlaubstage auch schon wieder aufgebraucht 😄

      Gefällt mir

  2. Pingback: Kyoto oder: Japan im Schnelldurchlauf – Erst mal weg.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: