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Kyoto oder: Japan im Schnelldurchlauf

Nach Tokio bin ich bereit für das ursprüngliche und romantische Japan! Kyoto verspricht in zahlreichen YouTube-Drohnen-Videos genau das zu sein: Enge Gassen, Holzvertäfelungen, die bekanntesten Tempel-Sehenswürdigkeiten des Landes und sogar Geishas.
Doch der erste Blick aus dem Shinkansen-Fenster trifft nur auf Betonhochhäuser. Der zweite auf die winterlich kalten Straßen Downtowns.

Hat da wohl mal wieder jemand vor lauter schöner Internetbilder vergessen, dass hier auch noch 1,5 Millionen Menschen ganz normal leben müssen? Mh, vielleicht.

Auf den dritten Blick bekomme ich es dann aber zu sehen – das wunderschöne kulturelle Zentrum Japans. Da die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs fast jede Großstadt in Japan zerstört haben und nur Kyoto mit seinen Tempeln, Shinto-Schreinen, Palästen und Gärten verschont wurde, ist sie die besterhaltenste Stadt Japans. Und somit ganz klar ein Touristenmagnet, was im Dezember allerdings gar kein Problem dargestellt hat. So konnten wir viele der Sehenswürdigkeiten wirklich ganz in Ruhe genießen.

Und wo fängt man da an? Vermutlich – obwohl man hier niemals allein sein wird – am Fushimi Inari-Taisha Schrein, zu welchem die berühmten orange farbenen Torbögen (Torii) den Hügel hinauf führen, denn man will ja schließlich im Internet angeben.
Von den Bögen gibt es tausende und ich benutze das Wort nicht nur, damit es sich viel anhört. Tatsächlich sind es um die 10.000, die sich auf einem riesigen Areal verteilen und man findet auf jeden Fall einen Abschnitt ganz für sich allein. Denn weiter als ein paar hundert Meter gehen die meisten Leute nicht. Also ist es ganz euch überlassen wie viel Zeit ihr auf einem Ausflug hierher mitbringen wollt, könnt oder müsst. Der Eintritt ist kostenlos.
Auf dem Weg zum Schrein befinden sich übrigens wirklich viele und gute Essens-Stände zu angemessenen Preisen.

Dicht bepackt mit Sehenswertem ist Kyotos Osten. Hier liegt der Stadtteil Higashiyama mit seinem Vergnügungsviertel Gion und dem Kiyomizu-dera, dem zweiten der drei „Hauptattraktionstempel“, den wir nicht besichtigt haben, da es Bauarbeiten gibt und uns das Gerüst von außen etwas abgeschreckt hat. Die Bauarbeiten werden übrigens bis 2020 andauern. Trotzdem soll er nicht unerwähnt bleiben, da er weiterhin geöffnet ist und imposant an einem Hang auf einer hölzernen Balkenkonstruktion hängt und eine Aussichtsterrasse mit Blick über die Stadt zu bieten hat. Wir haben uns mit seinem Vorplatz, mitsamt der Pagode, dem Niomon-Gate und ebenfalls einer guten Aussicht von dort aus zufrieden gegeben. Der Eintritt zum Gelände ist kostenlos, der Tempel kostet 400 Yen.

Für den Stadtteil allein kann man sich gut und gerne einen ganzen Tag einplanen. Auch wenn man wohl aus den Touristenströmen auf den Hauptstraßen ganz schnell raus möchte, kann man sich in so vielen Straßen ringsum treiben lassen und sich die Augen aus dem Kopf gucken und am Ende vielleicht ja sogar doch die eine echte Geisha ausfindig machen, zwischen all den verkleideten Touristinnen. Denn ja, das ist hier ein ziemlicher Renner und Kimono-Rentals warten an vielen Ecken und es ist auch nicht verpöhnt, auch wenn ich es als absolute Overthinkerin mal wieder reichlich komisch finde.

Also, wenn eine „Geisha“ ausgiebig für sich und andere posiert ist sie am Ende meist ebenfalls einfach nur eine Touristin aus Tokio, Taiwan, Hong Kong oder naja… Deutschland oder den USA.

Tempel-Must-see Nummer 3 ist der mit Blattgold verkleidete Kinkaku-ji, auch Golden Pavilion genannt, der sogar an unserem einzigen Regentag in Kyoto noch ziemlich gestrahlt hat. Für 400 Yen pro Person stellt man sich zum Selfie machen an und kann dann noch über das umliegende Parkgelände spazieren.

Ehrlich gesagt hat mich der goldene Pavillon aber nicht so sehr begeistert wie die vergleichsweise unbekannte Burg Nijo (auch Nijo-jo). Die Aufmachung ist zurückhaltend japanisch – verspielter Prunk mit vielen verschiedenen Farben, wie in China oder Thailand bekommt man in japanischen Tempeln und Burgen nicht zu sehen. Auch überrascht, dass es keinen einzigen Einrichtungsgegenstand in der ganzen Burg gibt. Doch genau diese Einfachheit bleibt im Gedächtnis. Die Anlage strahlt besonders im Abendlicht genau das zen-artige aus, was man von japanischen Gärten erwartet. Und der ganz besondere Clou erwartet einen, wenn man barfuß über den „Nachtigall Gang“ durch das Gebäude geht. Die Holzplatten „singen“ leicht bei jedem Schritt wie Vögel. Das macht den Gang nicht nur zur ältesten, sondern auch zur kreativsten und elegantesten Alarmanlage, von der ich je gehört habe.
Eintritt 600 Yen.

Last but leider auch least sind wir nach Arashiyama zum Bamboo Grove gefahren. Vielleicht war es auch hier nur das „Bambus? Kenn ich schon!“ aber wirklich begeistert von dem recht kurzen Stück mit den zugegeben sehr hochgewachsenem Bambuswald war ich nicht. Da der Spaziergang aber nichts kostet, sollte man wenn noch Zeit ist natürlich trotzdem hinfahren.

Hinter dem Bambuswald landet man zwischen Einfamilienhäusern und Gartenlauben und sieht die japanische Vorstadt als netten Kontrast zu den Großstädten, die man sich bisher so zu Gemüte geführt hat. Eine Reihe teurer Restaurants, die aber gute Google-Bewertungen haben, wartet auch.

In drei Tagen kann man sich in Kyoto vieles erlaufen, mit Leih-Fahrrädern anradeln oder nach dem gleichen U-Bahn-Prozedere wie in Tokio anfahren. Weil es mich aber immer wieder verwundert wie unterschiedlich Bus fahren sein kann, gibt es hier und jetzt „Bus fahren – die Kyoto Edition“:
1. Hinten einsteigen, vorne aussteigen. Immer.
2. Erst fahren, dann bezahlen. Immer.
3. Alle Strecken kosten pauschal 230 Yen. Immer.
4. Es gibt beim Fahrer Geldwechsel-Automaten, um passend bezahlen zu können. Immer.
Wenn man das weiß, läuft es ganz rund.

Obwohl ich sagen muss, dass ich das System „Sich-von-ganz-hinten-bis-nach-vorne-durch-den-Bus-boxen-noch-Geld-wechseln-und-bezahlen-bevor-man-raushüpfen-kann“ nicht optimal gelöst finde und ich fast jedes andere mir bis jetzt bekannte System vorziehe.

Nachdem nun auch ich – zum drölfmillionsten Mal – die Hauptsehenswürdigkeiten dieser Stadt in einem Blog zusammengefasst habe, ist noch ein klitzekleines bisschen Platz für etwas banal wirkende Tipps, die ich aber wirklich von Herzen geben kann.
Euch werden in Japan unzählige Getränkeautomaten auffallen, die ganz anders als in Deutschland, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis haben. Für 100 – 140 Yen spucken die nicht nur kalte sondern auch warme Getränke aus. Das hat uns in diesem winterlichen Urlaub unglaublich viel Geld gespart, da eine Tasse Kaffee im Lokal 500 kostet. Also: angenehm temperierten Kakao oder Kaffee überall ziehen, sich die Hände unterwegs daran wärmen und 4/5 sparen – gute Sache!

Ähnlich einfach Tipp Nummer 2, der sich mit der Essenssuche befasst. Japanische Restaurants, besonders die klassischen, sind alle blickdicht. Man findet bis auf Starbucks eigentlich kaum ein Lokal mit Fensterfront zum raus- oder reinschauen. Wenn man nun auch nicht Japanisch lesen kann, wirkt eigentlich jedes Restaurant irgendwie abschreckend. Ist das überhaupt ein Restaurant? Da kann ich doch jetzt nicht einfach so rein gehen. Stell dir vor, ich steh dann in einer Wäscherei. Nee, nee. Also habe ich mich irgendwann nicht mehr inspirieren lassen, sondern ganz gezielt auf Google Maps nach Gerichten gesucht. Was mit „Sushi“ als Suchbegriff funktioniert, funktioniert nämlich genauso gut mit „Gyoza“ oder „Udon“. Klar wird man so nicht alle Treffer der Stadt bekommen, aber man kann sehr viel zielgerichteter zu einem Restaurant laufen, dass dann auch noch das serviert, auf das man gerade Lust hat.

Apropos Essen. Nach vier Tagen verlassen wir Kyoto mit der Straßenbahn in Richtung Osaka, das den Beinamen „Küche der Nation“ trägt. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

2 Kommentare zu “Kyoto oder: Japan im Schnelldurchlauf

  1. Richtig toller Beitrag, mit schönen Einblicken!
    Irgendwann muss ich auch mal nach Japan.
    Liebe Grüße
    Dorie
    http://www.thedorie.com

    Gefällt 1 Person

    • Danke dir!

      Japan war mein bestes Reiseziel bisher, glaube ich. Auch wenn man die untereinander natürlich nur schwer vergleichen kann.
      Aber es war einfach super ruhig und friedlich und alle waren super zuvorkommend. Da kann man sich wohlfühlen. (Fancy Toiletten tragen auch dazu bei 😄)

      Ich hoffe, du schaffst es nach Japan. Günstig ist es natürlich nicht aber jeden Cent viel mehr wert als ein Strandurlaubsfernreiseziel 🙂

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